Die Arbeit ist, im Grund‘ genommen,
nichts weiter als ein Zeitvertreib,
für den wir einen Lohn bekommen,
um zu ernähren Kind und Weib.
Sich selbst, den Chef, wer hat – den Hund.
Die Kirche, Länder und den Bund.

Drum halte man aus diesem Grund
bis Fünfundsechzig sich gesund.

Erwin P. Kandel

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Wir haben zwar heute erst den 26. Januar – und trotzdem ist das Jahr schon wieder halb rum: das Schuljahr. Millionen Schülerinnen und Schüler bekommen nächste Woche ihre Halbjahreszeugnisse. Die Älteren müssen sich mit diesem Zeugnis bewerben, wenn sie im Sommer einen Ausbildungsplatz haben wollen. Aber auch schon für die Kleineren, die Viertklässler, hat dieses Zeugnis ein enormes Gewicht. Denn immerhin entscheidet es in den meisten Bundesländern darüber, auf welche weiterführende Schule sie gehen werden. Aufs Gymnasium? Oder – wie das viele sagen – “doch nur” auf die Real- oder Hauptschule?

Erinnern Sie sich noch, wie das damals war, als wir unsere Zeugnisse bekommen haben? Wie aufgeregt wir waren in den Tagen davor! Und was für Gedanken haben wir uns gemacht: Was die Eltern wohl sagen werden – vor allem, wenn da in Mathe oder Latein mal wieder die Fünf drohte.

Der Leistungsdruck, den die Kinder heute zu ertragen haben, ist kaum mit unserem damals zu vergleichen. Sie werden vielleicht nicht mehr ganz so häufig geschlagen wie das in unserer Kindheit noch üblich war. Aber der seelische Druck ist um einiges höher geworden. In einer ganz neuen Studie heisst es: “Jeder dritte Schüler leidet unter Stresssymptomen.” Kopf- und Rückenschmerzen, Einschlafprobleme, Gereiztheit, depressive Verstimmungen.

Ich erlebe das täglich in meiner Gemeinde. Kinder können nicht an Ausflügen teilnehmen, weil sie für die Schule lernen müssen. Manche sind verhaltensauffällig, brauchen schon mit acht / neun Jahren eine Therapie. Vor allem aber: Es fehlt ihnen oft die Leichtigkeit, das Spielerische, das meine Kindheit und Jugend noch ausgemacht hat.

Ich bin weder ein Bildungsexperte, noch ein Schulpsychologe. Und ich bin auch kein Vater. Aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir: Das sind doch Kinder! Sie werden eine Lebenserwartung von etwa hundert Jahren haben. Müssen sie schon in so frühen Jahren einem solchen Leistungsdruck ausgesetzt werden? Warum gönnen wir ihnen ihre Kindheit nicht?

Ich kann Ihnen keine konkreten Antworten geben. Aber ich meine, dass wir uns dringend einmal Gedanken machen sollten über unser Menschenbild. Gilt denn wirklich nur derjenige, der etwas leistet? – Natürlich ist Leistung wichtig. Sie bringt uns voran und kann sogar beflügelnd und belebend sein. Aber sie kann eben auch lebensbehindernd werden. Nämlich dann, wenn sie das Maß aller Dinge ist. Deshalb: Ist Leistung wirklich das Erste und Wichtigste? Wir Menschen sind mehr als das, was wir leisten. Einem Christen ist das eigentlich ins Stammbuch geschrieben. “Du bist mein geliebtes Kind. An dir habe ich Gefallen gefunden.” Das ist uns bei der Taufe zugesagt worden. Also zu einem Zeitpunkt, da wir noch nichts geleistet haben und uns noch nicht auf irgendetwas berufen konnten. Gott fragt nicht zuerst nach unserer Leistung. Er hat Gefallen an uns, wenn wir lebendig sind. Wenn wir die sind, die wir sind.

“Du bist ein geliebtes Kind, selbst wenn du eine Fünf in Mathe hast.” Wie hilfreich wäre ein solcher Satz für ein Kind, das gerade sein Zeugnis bekommen hat! Wie trostreich und wie ermutigend! Ja, ich glaube sogar, dass dieser Satz das Kind zu besseren Leistungen beflügeln könnte. Denn wenn ich geliebt bin, wie ich bin, dann erst bin ich auch frei und in der Lage, etwas zu schaffen und zu vollbringen. – “Du bist mein geliebtes Kind.” Ein Satz, der ganz einfach zu sprechen ist!

Quelle: Gereon Alter – Das Erste.de