Es stand in: „Neue Osnabrücker Zeitung“:

Die modernen Feinde der Gesundheit im Beruf haben immer weniger mit anstrengender körperlicher Arbeit zu tun, dafür umso mehr mit Stress. Die Tätigkeit geht oft nicht, wie man gerne sagt, auf die Knochen – sie trifft die Seele. Die Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan, hochgradig belastet durch Terror-Anschläge, sind wohl die bekanntesten Opfer. Aber auch in ganz gewöhnlichen Betrieben, Schulen, Krankenhäusern macht der Beruf krank und wirft aus der Balance. Eine Arbeitsverdichtung und ein ständiger Termin-, Leistungs- und Erfolgsdruck führen zu Depressionen, Angstzuständen oder dem Gefühl, ausgebrannt zu sein. Mangelnde Wertschätzung, ein unzureichendes Führungsverhalten, Überforderung oder Unterforderung und die Sorge um den Arbeitsplatz tragen zu der stetigen Steigerung bei.

Psychische Erkrankungen sind häufig mit langen Fehlzeiten verbunden. Doch schon vorbeugend lässt sich viel erreichen – nicht allein mithilfe von Entspannungsmethoden, sondern ebenso durch eine gute Unternehmenskultur, durch Möglichkeiten der Mitsprache und Mitwirkung sowie durch Stressmanagement. Daher zahlen sich Investitionen in die Gesundheit der Mitarbeiter aus: für die Betroffenen, aber auch für die Betriebe selbst. Doch zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen gibt es noch viel zu tun.

 

 

Kein Problem,
wenn Sie trocken werden und trocken bleiben.
Sie müssen es nur wollen!
 
Ich weiß, wovon ich schreibe.

 

Erwin P. Kandel

 

von Uli Fricker

Auch der Bundestag kniet sich in die schwierige Materie hinein. Wie so oft will er eine Entwicklung kanalisieren, die bisher als Wildbach dahin schießt: Immer mehr Europäer setzen eine Patientenverfügung auf, die Formulare dafür liegen bei sozialen Einrichtungen aus. Nun sieht sich der Gesetzgeber in der Pflicht. Er will das papierne Chaos lichten und in juristisch sauberes Bettzeug packen.

Muss er das? Die Stimmen mehren sich, die eine erschöpfende Regelung der Patientenverfügung durch das Parlament ablehnen. Dafür gibt es gute Gründe: Wenn das Leben erst einmal in Paragrafen gefasst wird, dann geschieht das oft im Übermaß. Eine Verfügung, die allen Regeln der Kunst entspricht, muss dann notariell beglaubigt sein, was zusätzlich Geld kostet. Und sie wird aufgebläht und mehr Punkte umfassen, um nur alles und jedes zu beschreiben. Zudem wird sie Ärzte und Pfleger an die ganz kurze Leine nehmen. Sie würden zu weißbekittelten Erfüllungsgehilfen eines gut gemeinten, aber nicht immer sinnvollen Verhaltenskatalogs. Was ein Gesunder schriftlich verfügt, wird 20 Jahre später buchstäblich umgesetzt. Das wird seinem Leiden nicht immer gerecht – und es ignoriert den Sachverstand, der sich an Krankenhäusern sammelt. Wer dort nur menschenferne Technikgläubigkeit vermutet, zielt an der Sache vorbei. Und wer den Spitälern eine möglichst hohe Auslastung der Betten mit gedehnten Liegezeiten unterstellt, hält nur einen von vielen Zipfeln fest.

Diese Annahmen sind Ausdruck einer Schieflage. Patientenverfügungen entwickeln sich zum neuen Lieblingsdokument der Deutschen, weil viele dem System nicht mehr trauen. Die Krankenhäuser gelten vielen als seelenlose Silos, die Ärzte als akademische Techniker, die Schwestern als chronisch überlastete Tablettenspender. Dazu kommt die unterschwellige Skepsis gegenüber einer chronisch umstrittenen Gesundheitspolitik. Sie ist kaum geeignet, das Vertrauen in den medizinischen Betrieb zu stärken. Viele Deutsche glauben ernsthaft, sie seien schlecht behandelt.

In dieser Lage scheint die Patientenverfügung als Lichtblick auf. Hier wird Selbständigkeit zum Dokument. Der Betroffene legt selbst fest, zu welchem Zeitpunkt er eine Behandlung abgebrochen haben will und welche Eingriffe er ablehnt. Wer dieses Papier ausfüllt, rückt gewissermaßen zum Chefarzt in eigener Sache auf, der sich von fremden Mächten nicht mehr dreinreden lässt.

Die Autonomie des Patienten ist das eine. Es ist ein noch junger Begriff, da jahrhundertelang der Hausarzt als höchste Autorität galt, dessen Wort mehr zählte als undeutliches Stammeln vom Krankenlager. Mit dem Verfall ärztlicher Autorität und der Neigung, notfalls zu prozessieren wegen echter oder vermeintlicher Kunstfehler, wurde der Patient aufgewertet. Er will auch im Krankenhemd ein Bürger bleiben. Also schreibt er sein Lebenstestament, wie es in Dänemark heißt.

Patientenverfügungen sind grundsätzlich in Ordnung. Dass ein Mensch bis zum Lebensende das Heft in der Hand halten will, ist verständlich. Und dass er Fachleuten schwere Entscheidungen abnimmt, ist anständig. Nur sollte es vertrauensvoll geschehen, nicht in einer offenen Kampfsituation. Im Zweifel weiß der Intensivpfleger eben besser Bescheid als ein Patient, der über seine Symptome schon „viele Bücher“ gelesen hat.

Auf diesem sensiblen Feld soll sich der Gesetzgeber zurückhalten. Ein weit gesteckter Rahmen genügt für die Patientenverfügung vollauf. Alles andere können Kranke und Krankenhäuser direkt regeln, ohne staatliche Intervention, die frische Akten produziert und neuen Überdruss gleich mit. Man sollte den Betroffenen die Kraft zum humanen Ausgleich zutrauen – und nicht aus den letzten Tagen einen Verwaltungsakt machen.